China in München, schon seit über 200 Jahren: 

Foto: Nico Kaiser

Der Chinesische Turm ist eines der Wahrzeichen unseres Englischen Gartens und markiert Münchens zweitgrößten Biergarten. 

(Foto aus Wikipedia von Nico Kaiser

Der Originalbau stammt aus dem Jahr 1789/90 – ein Produkt der China-Mode des 18. Jahrhunderts. Im Zweiten Weltkrieg haben ihn Bomben zerstört, aber schon 1952 haben wir ihn wieder originalgetreu aufgebaut. 

In diesem Artikel werde ich alles sammeln, was am Chinesischen Turm interessant ist. Für Unterstützung bin ich dankbar. 

Hier mal ein Anfang: 

 

  

1789/90 

Kurfürst Karl Theodor von Bayern lässt zunächst einen Militärgarten, dann östlich davon einen Volksgarten anlegen – aus beidem entsteht bald der Englische Garten. In diesem Volksgarten entsteht der Chinesische Turm. 

Sein Vorbild ist die „Great Pagoda“ im Schlosspark von Kew, England, ein Werk des englischen Gartentheoretikers William Chambers. 

Entworfen wird der Turm vom Mannheimer Militärarchitekten Joseph Frey, die Bauausführung liegt bei den Hofzimmermeistern Johann Baptist Erlacher und Martin Heilmayr, díe beide in der heimischen Holzbautradition verwurzelt sind. (Thema Holzbauweise: Biegsames Holz, starrer Beton

Zum Zweck des Turms gehört es, eine Aussichtsplattform zu bieten. Aber auch vom 4. Obergeschoß aus stehen heute die höher gewachsenen Bäume im Weg. 

Die Chinamode war in Bayern schon länger heimisch. Ein berühmtes Produkt ist die Pagodenburg im Nymphenburger Park, die Kurfürst Max Emanuel schon 1716-19 hat errichten lassen. 

Auf die Idee mit der Pagode in München ist wohl der Graf Rumford gekommen, ein Amerikaner, der zu dieser Zeit bayr. Kriegsminister ist, schon mal durch England gereist ist und dabei wohl die Great Pagoda von Kew gesehen hat. 

Gar nicht erbaut von der Idee ist der bedeutende Gartenbaumeister des Englischen Gartens, Friedrich Ludwig von Sckell. Er ist antikenbegeisterter Stilpurist und steht ganz auf Klassizismus – der chinesische Geschmack der Baukunst verdiene keine Nachahmung, meint er. Aber der Gartenkünstler muss sich mit den Chinoiserien abfinden, und den Münchnern g’fällt’s. 

Südlich des Turms, wo heute die Gaststätte steht, gibt es damals einen weiteren chinesischen Bau, eine „Chinesische Wirtschaft“. Das Gebäude ist aus Holz, rechteckig mit vier niedrigen Eckpavillons und mit den charakteristisch geschwungenen Dächern. Im Innern überrascht ein Porzellan-Zimmer. 1912 wird der Bau abgerissen und ersetzt durch die heutige Gaststätte. 

Zum Ensemble gehört damals auch noch ein „Gotischer Tempel“ und eine große Tanzfläche rund um den Stamm eines lebenden Baumes. 

Der „Theodors Park“ dient ab 1792 der Volksbelustigung . Die Münchner, die ihren Herzog Karl Theodor nicht mögen, nennen den Park bald nur noch Englischer Garten. 

(Anmerkung: Es gibt zwei Aquarelle aus der Zeit kurz nach 1790, die diesen Ort wunderbar wiedergeben – ich hoffe, ich bekomme die Genehmigung des Verlags, sie hier als Bild einfügen zu dürfen.) 

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1952: Wiederaufbau

Am 13. 7. 1944 haben Brandbomben den Chinesischen Turm erwischt. Das war während der schlimmsten Angriffsserie, geflogen von Italien aus von den Amerikanern bei Tag. Schon am Tag vorher hat es München schwer getroffen.

Schon 1952 ist die Pagode wieder aufgebaut worden. Das ist erstaunlich. In diesen frühen 50er Jahren werden Wohnungen gebaut, Wohnungen und nochmal Wohnungen, als Ersatz für die zerstörten, und für den Bedarf der zigtausend Flüchtlinge aus dem Osten, die jetzt meist noch in Barackensiedlungen hausen. Trotzdem, München hat es eilig mit dem Wiederaufbau des „nutzlosen“ Chinesischen Turms. Warum?

Um diese Frage zu beantworten, werde ich mir mal bei Gelegenheit die Zeitungsberichte von Anfang September 1952 anschauen. Jedenfalls sieht man, wie sehr der Chinesische Turm den Münchnern ans Herz gewachsen sein muss.

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Der Biergarten und die Integration 

Der Biergarten am Chinesischen Turm ist mit 7 500 Plätzen der zweitgrößte in München – nach dem Hirschgarten mit 8 000, und damit wohl auch der zweitgrößte in Europa. 

Einträchtig stehen hier seit über 200 Jahren bayerische und chinesische Kultur zusammen. 

Wikipedia findet die richtigen Worte für die generelle  Bedeutung des Biergartens für die Integration

Wohl einzigartig für gastronomische Einrichtungen ist, dass es für die meisten Besucher selbstverständlich ist, auch völlig unbekannten Tischnachbarn zuzuprosten und sich mit diesen oft auch intensiv zu unterhalten. Damit entsteht eine tatsächliche klassenüberschreitende Kommunikation, die letztlich auch dem elementaren friedlichen Zusammensein höchst inhomogener Menschengruppen nützt (übersehen wird oft, dass München schon immer eine Stadt der Zuwanderer war – weit über die Hälfte der heutigen Bevölkerung sind Nicht-Münchner und Nicht-Bayern). 

  

Der Englische Garten – ein Volksgarten, geprägt von großzügiger Weite … 

Der Englische Garten ist sowohl künstlerisch von hoher Qualität als auch sozialgeschichtlich als der erste Volksgarten auf dem Kontinent von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung des öffentlichen Stadtgrüns. Geprägt von großzügiger Weite mit ständig wechselnden visuellen Bezügen zu Parkarchitekturen und landschaftlichen Elementen, von tiefen Räumen und vom Wechselspiel zwischen Licht und Schatten gezeichneten Kulissen, ist der Englische Garten als Musterbeispiel für den klassischen Landschaftsgarten in die Geschichte der Gartenkunst eingegangen. 

So preist ihn die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen auf ihrer Website an. 

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Quellen: 

Wikipedia Englischer Garten 

Pankraz Freiherr von Freyberg; Freistaat Bayern, Bayer. Staatsministerium der Finanzen (Hg): Festschrift «200 Jahre Englischer Garten in München». Alois Knürr Verlags GmbH, München. 2. Auflage 1989. 

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Der Artikel wird immer wieder überarbeitet und erweitert werden. Für Informationen und Tipps bin ich dankbar. 

Einige offene Fragen: 

Wie hoch ist er eigentlich?
Aus welchem Holz?
Welche anderen Materialien hat man verwendet?
Kann man ihn heute noch begehen? Wer darf? Wann?
Wie wird er gereinigt? Von wem?
Finden Chinesen ihn chinesisch?

Weitere Fragen?

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