Menschlichkeit  (rén) ist der zentrale Begriff, um den sich die Ethik des Konfuzius dreht. Menschlichkeit kommt aus dem Innersten des Menschen,  ist losgelöst von allem Zweck, beinhaltet die fundamentale Zuneigung der Menschen zueinander, äußert sich konkret im affektiven Mitgefühl – im Mitleiden und Sich-Mitfreuen, bezieht auch Klugheit mit ein.

Ihr Sinn ist die Goldene Regel (Lunyu XV,24):

Zi-gong fragte den Konfuzius: „Gibt es ein Wort, das ein ganzes Leben lang als Richtschnur des Handelns dienen kann?“
Konfuzius antwortete: „Das ist ‚gegenseitige Rücksichtnahme‘. Was man mir nicht antun soll, will ich auch nicht anderen Menschen zufügen.“

Das eine chinesische Wort, das Konfuzius für ‚gegenseitige Rücksichtnahme’´bzw. Reziprozität verwendet,  ist shù.

Das Neue Testament formuliert – ein halbes Jahrtausend später: „Alles, was ihr also von andern erwartet, das tut auch ihnen.“ (Matthäus 7.12., analog Lukas, 6.31)

Ich selber hab’s in dieser volkstümlichen Form als Kind gelernt: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“

Auch bei Konfuzius gibt es die Goldene Regel andeutungsweise  in positiver Form (Lunyu VI,30):

Wer den Grundsätzen sittlichen Verhaltens folgt, will sich und andere daran aufrichten. Er will, dass ihm das gelingt und dass es auch anderen gelingt. 

Es ist die Gegenseitigkeit des gedanklichen Rollentausches. DU könntest ICH sein, ICH könnte DU sein. ICH könnte an deiner Stelle sein, und DU an meiner. Von der intuitiven Logik dieses fiktiven Rollentausches aus generalisieren wir.

Wie weit die Generalisierung reicht, hängt davon ab, wer für uns Mensch ist. Wir könnten die Reichweite der Goldenen Regel begrenzen, indem wir Ingroup und Outgroup bilden und diejenigen, die wir hassen oder verachten oder fürchten, nicht als vollgültige Menschen anerkennen: je nach dem Feinde, Barbaren, Ungläubige, Terroristen, Unwürdige, Minderwertige, Fremde …

Intuitiv geschieht das wohl in den meisten von uns, besonders in kritischen Situationen.

Hat Konfuzius also nur an Personen von Stand gedacht, oder nur an Kultur-Chinesen, nicht aber an die Stämme der „Barbaren“? Wer ist für ihn Mensch?

Lunyu XIII,19:

Als Fan Chi nach dem rechten Verhalten fragte, sprach Konfuzius: „Zeige dich stets höflich und gewissenhaft bei dem, was du tust, und treu gegenüber den Menschen. Diese Regeln sollst du nicht vergessen, selbst wenn du zu den Barbaren kommst.“

Lunyu XV,6:

Zi-zhang fragte, wie man sich benehmen sollte, um überall zurechtzukommen.
Konfuzius antwortete: „Offen und ehrlich reden, redlich und pflichtbewusst handeln – damit kommst du selbst bei den Barbaren zurecht.“

Konfuzius generalisiert auf die gesamte (biologische) Menschheit hin. Das wird bestätigt durch spätere Konfuzianer, Mengzi und Xunzi. Die Goldene Regel gilt unter uns allen. Ohne Ausnahme.

Die Goldenen Regel des Konfuzius enthält das Potential der Gleichheit aller Menschen

Aber Konfuzius bejaht die Ungleichheit, die Differenz zwischen Adel und Masse, Fürst und Untertan, Mann und Frau, Kulturvolk und Barbarenvolk.

Ein krasser Widerspruch (für uns heute). Was bedeutet denn die Goldene Regel des Konfuzius noch, wenn man die Ungleichheit verteidigt? 

Die sozialen Differenzen bleiben bestehen. Der Mann herrscht, die Frau gehorcht. Der Fürst herrscht, der Untertan gehorcht. Der Adelige ordnet an, das Volk gehorcht. –

– Aber diese Differenzen werden gemildert, die strukturelle Ungleichheit wird ein wenig abgeschwächt, die Verhältnisse werden etwas humanisiert. Denn die Goldene Regel erinnert den, der herrscht, daran, dass er Mensch ist wie diejenigen, die er beherrscht. Der egalitäre Kern der Goldenen Regel entfaltet sich unter diesen Bedingungen nicht vollständig, stärkt aber das Bewusstsein der Gemeinsamkeit, fördert die Berücksichtigung des Wohls der Beherrschten.

Der Keim des Gleichheitsstrebens ist gepflanzt, seine logische Grundlage gesetzt. Das Potential wird sich im Laufe der Geschichte entfalten.

Quellen:
Konfuzius, Gespräche (reclam)
Heiner Roetz, Konfuzius. München 1995. Becksche Reihe 529

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