März 2010


Die Flamen, bedroht vom "belgischen" Französisch, "muslimischen" Grün und "chinesischen" Rot

„Vlaams Belang“ ist die  rechtspopulistische, flämisch-nationalistische Partei Belgiens, 17 von 150 Parlamentsmandate stark. Sie wird – bis jetzt – von den anderen Parteien Belgiens geschnitten.

Diese Partei warnt auf diesen drei Plakaten zunächst vor dem lokalen wallonischen (französisch sprechenden) Erzfeind – man möchte Flandern von Wallonien abspalten; „pourquoi“ … heißt warum … (aber auch darum …)

Der Feind im Zentrum der Agitation sind die Muslime. Und rechts taucht, die Zukunft kühn vorwegnehmend, der neue „Bösewicht“ auf: China.

Angeregt durch einen Artikel im China Herald

BeimVolkskongress der KPChina in diesem März gab es Stimmen, die die vom Staat durchgesetzte Ein-Kind-Politik in Frage stellten.

Seit 30 Jahren nun wird diese drastische Bevölkerungspolitik praktiziert. Mit offensichtlichem Erfolg. Das Bevölkerungswachstum wurde gestoppt. Der Geburtenüberschuss ist von ca. 2,6% im Jahre 1970 auf inzwischen 0,5% gefallen. 1960 lag das Durchschnittsalter der Chinesen bei 22 Jahren, heute liegt es bei 34 – und es steigt. (Deutschland: 44 Jahre!)

Diese demographische Entwicklung war eine der Bedingungen für den Aufstieg Chinas seither.

Gleichzeitig verändert die Schrumpfung der Familie China auch kulturell. Alle Aufmerksamkeit konzentriert sich nun auf das EINE Kind, und dieses hat keine Geschwister, von denen und mit denen es lernen kann, wie man miteinander umgeht. Es ist eine Welt ohne Geschwister – damit auch ohne Onkel und Tante …

Ein weiteres damit zusammenhängendes Phänomen: Auf 100 Mädchen werden etwa 120 Jungs geboren – männlicher Nachwuchs wird oft bevorzugt. Ein Fünftel der Männer wird nicht heiraten können …

Politisch bedeutsam sind aber zunächst die zwei demographischen Probleme, die aus der chinesischen Bevölkerungspolitik folgen:

  • das Land altert rapide – der Anteil der jungen Menschen, die die älteren über Steuern oder direkt ernähren, nimmt ab;
  • die Bevölkerung wächst zurzeit noch ganz leicht an, wird aber bald zu schrumpfen beginnen – die Geburtenziffern gehen (bei 1,4 bis 1,6 Kindern pro Frau) zurück, ein sich selbst verstärkender Prozess, solange die Ein-Kind-Politik durchgesetzt wird …

Beides wird sich in den kommenden Jahren in dramatischer Weise bemerkbar machen. Zuerst in der Frage: Wie lange noch reicht das Reservoir der billigen Arbeitskräfte vom Lande? Füher einmal war es „schädlicher Bevölkerungsdruck“; heute wertet man es als „menschliche Ressourcen“.

Ökonomisches Interesse wird also vermutlich bald zu einer Lockerung der Ein-Kind-Politik führen. Erste Anfänge sind schon gemacht: Zwei Einzelkinder dürfen als Paar zwei Kinder bekommen.

Quellen: Danwei; Handelsblatt; Fischer Weltalmanach 2010

Ich gehe mal davon aus, dass die im vorigen Artikel genannten Zahlen die Wirklichkeit einfangen. (Ganz sicher bin ich mir da nicht. Siehe den bedenkenswerten Einwand eines Lesers im Kommentarteil.)

Was lässt sich zu diesen Zahlen sagen?

1. Ich selbst gehöre dann zu den 11%, die Chinas Einfluss auf die Welt für positiv halten. Meine Artikel über Politik versuchen dies zu begründen. (Siehe die Anmerkung nach dem Sprung!)

2. Es ist nicht logisch, China für seine erfolgreiche Entwicklung zu loben und gleichzeitig die Politik der chinesischen Regierung zu verurteilen.

3. Der Grund für das negative Image Chinas liegt wohl in der Kombination dieser Punkte:

  • die Parteinahme für die Unabhängigkeitsbestrebungen in Tibet und Xinjiang;
  • der krasse Mangel an Rechtsstaatlichkeit und Demokratie bei gleichzeitigem ökonomischem Erfolg;
  • die Angst davor, dass wir wirtschaftlich von China mehr und mehr übertroffen werden;
  • unsere Schwierigkeit, etwas Peinliches zu lernen: Jemand, den wir bisher für zweitklassig gehalten haben, erhebt nun plötzlich den Anspruch, er wolle für erstklassig genommen werden – wir sollen ihm also künftig bitte auf Augenhöhe begegnen;
  • die generelle Verunsicherung in einer Zeit der globalen Umwälzungen.

Ob alle diese Punkte zutreffen, und wenn ja, ob sie dann die Sache hinreichend erklären, und schließlich: wie sie untereinander gewichtet werden sollten – darüber bin ich mir nicht im klaren.

4. Wie dem auch sei, eine global erfolgreiche Großmacht wie China braucht nicht nur hard power (ökonomische und militärische Macht), sie braucht eine Menge soft power (Ansehen, Vertrauen, Sympathie), um in der internationalen Konkurrenz, bei globalen Konflikten optimal im eigenen Interesse agieren zu können. China hat da erheblichen Nachholbedarf.

5. Verständlicherweise lenken die Wachstumszwänge sowie die damit verbundenen die internen Schwierigkeiten die Aufmerksamkeit der Politik Chinas eher nach innen, und dies wird wohl noch für eine lange Zeit so bleiben.

6. In dem deutschen Negativurteil über China liegt etwas uns selbst Schädigendes. Wir setzen unser positives Image in China aufs Spiel. Hält das Unverständnis gegenüber China an, wird der Schaden für uns beträchtlich werden.

7. Was glauben eigentlich diejenigen, die China mit mahnendem Zeigefinger belehren wollen, dass sie damit erreichen – außer dass sie sich selber als die Guten fühlen können?

8. China selbst lobt sich: 92% der Chinesen halten den Einfluss ihres Landes für positiv, nur 6% für negativ. Da fehlt die gesunde Mitte derer, die selbstkritisch Positives und Negatives abwägt und sich des Urteils enthält oder für ein „teils, teils“ plädiert. Es kann zu einem Problem für China und die Welt werden, wenn das Land aus Mangel an Selbstkritik überheblich würde. Mir kommt die japanische Arroganz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren schrecklichen Folgen in den Sinn, auch die Arroganz des Deutschen Reiches zu Zeiten des Kaiserreichs. (Anmerkung: Gerade bei dieser Angabe von 92:6 bin ich allerdings der Umfrage gegenüber skeptisch.)

(mehr …)

Eine BBC-Umfrage ermittelt das Ansehen einiger wichtiger Nationen bei anderen wichtigen Nationen in der Welt.  Bürger werden befragt, wie sie den Einfluss dieser Länder einschätzen.

China schneidet dabei in der letzten Umfrage (2008/2009) schlechter als vorher ab – vor allem in Europa. Das Verhältnis hat sich auch insgesamt ins Negative gedreht: nur 39% sehen China noch positiv, 40% negativ. Im Jahr davor lag das Verhältnis noch bei china-freundlichen 45:33.

Zum Vergleich – für die USA ist das Verhältnis mit 40:43 noch etwas schlechter. Deutschland hingegen führt in dieser Statistik mit stolzen 61:15. Es ist das einzige Land unter den 21 untersuchten, das von allen anderen eher positiv als negativ beurteilt wird. – Kein schlechtes Ergebnis für den outlaw des Jahres 1945 …

Hier Ergebnisse Jan 2009 (erste Zahl für den Prozentsatz, der China positiv sieht, zweite Zahl für negative Sicht):

  • USA 32:52
  • GB 39:42
  • Deutschland 11:69
  • Frankreich 22:70

Zum Vergleich das Ergebnis des Jahres 2005:

  • USA 35:53
  • GB 40:44
  • Deutschland 31:44
  • Frankreich 31:53

Bemerkenswert, wie China an Ansehen vor allem in Deutschland verloren hat. Es rangiert jetzt bei extrem unpopulären Nationen wie den USA (18:65) oder Israel (9:65). Worauf ist dieser Absturz zurückzuführen?

Andererseits ist Deutschland bei den Chinesen mit 65:22 gut angeschrieben – dazu noch deutlich verbessert gegenüber dem Vorjahr.

Die Chinesen selbst sehen sich bzw. ihren Einfluss auf die Welt fast nur positiv: erschreckende 92:6! Die Japaner sind da zum Beispiel mit 41:11 wesentlich bescheidener, wir Deutsche nicht unbedingt: satte 80% finden unseren Einfluss auf die Welt positiv, nur 4% nicht. Ich selbst gehöre zu den 16%, die „weder-noch“ sagen.

Soweit die interessantesten Zahlen. Morgen werde ich sie zu kommentieren versuchen.

>>> Hier auf meinem anderen Blog meine Darstellung zum Deutschland-Ergebnis dieser Umfrage.

China erlebt gerade eine neue Invasion, die es zu kolonisieren droht: die englische Sprache!

Das meint Huang Youyi, Direktor der China International Publishing Group. Akronyme (wie GDP, CEO, WTO, …), der Gebrauch von Fremdwörtern aus dem Englischen sowie in Pinyin geschriebene Texte würden überhand nehmen.

In ein paar Jahren wird Chinesisch keine reine Sprache mehr sein. Auf längere Sicht wird Chinesisch seine Rolle als unabhängiges linguistisches System, das Informationen übermittelt und menschliche Gefühle ausdrückt, verlieren.

Was tun?

Alle offiziellen Texte sollen künftig auf Akronyme verzichten, ein Gesetz soll die Verwendung von Fremdwörtern in Publikationen regeln, eine nationale Übersetzerkommission soll Fremdwörter und Fachausdrücke in reines Chinesisch übersetzen und ihre Ergebnisse auf einer Website mitteilen.

Die deutsche Erfahrung könnte hier zur Beruhigung dienen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde der deutsche Sprachraum überschwemmt vom Französischen; die Eliten sprachen bevorzugt Französisch. Was ist davon geblieben? – Eine um viele schöne französische Vokabeln bereicherte deutsche Sprache.

Seit einigen Jahrzehnten ist Deutsch der Invasion des Englischen ausgesetzt. Das Resultat wird ähnlich sein: Nach ein paar Generationen ist der neue Wortschatz verdaut, das heißt grammatisch, orthographisch und in der Aussprache assimiliert – mit Gewinn für die eigene Sprache.

Cai Jianfen, Chefredakteur der Foreign Language Teaching and Research Press, sieht das ebenso:

… Sprache ist lebendig. Das Chinesisch, das wir heute verwenden, ist das Produkt geschichtlicher Entwicklung und Assimilation. Wir sollten der Vitalität unserer Sprache trauen.

Quelle: The Shanghaiist

Florian Özdikmen, ein Münchner Architekt, baut den deutschen Expo-Pavillon in Shanghai. Ein Artikel in der SZ über seine Arbeit deutet an, wie man dort mit gewissen Schwierigkeiten fertig wird …

1

Der gelbe Watteball geht in Flammen auf. Florian Özdikmen reißt sein Feuerzeug zurück. Das hätte nicht passieren dürfen. „Genau hinschauen.“ Auf der Verpackung stand der Markenname, ein Zertifikat war dabei. „Alles fünfmal hinterfragen“, sagt er. … gerade hat er eine Fälschung entdeckt: brandgefährliche Dämmwolle statt Markenware. Mit Schnelltests wie diesem versucht er Herr zu werden über die chinesische Baukultur …

2

Das Vertrauen in Zusagen der chinesischen Bauunternehmer hat gelitten, aber er hat auch gelernt, wie sie Vertrauen zu ihm aufbauen: Özdikmen verbringt viel Zeit mit seinen Geschäftspartnern, macht Ausflüge, am Wochenende, Woche um Woche hintereinander, erst dann sagen sie, was sie denken, und Absprachen werden verlässlich.

3

… Eine Stadt, in der die Menschen zwei Gesichter tragen, sagt Özdikmen: ein oberflächlich lächelndes – und eines hinter der Maske. Eben dies zu entdecken, findet Özdikmen spannend.

Drei Dinge, die uns Deutschen oft unendlich schwer fallen – Özdikmen zeigt, wie’s geht:
1. einem Produkt zu misstrauen, das sich als Markenprodukt mit Zertifikat ausgibt;
2. die menschliche Beziehung zu suchen und zeitaufwändig zu pflegen – jenseits der geschäftlichen Beziehung;
3. fröhlich die Maskenspiele der anderen zu akzeptieren (und zu durchschauen), ohne moralische Vorwürfe zu machen.

Zitatquelle:  Florian Elsemüller, Goldgräberstimmung in Shanghai, SZ 23.03.2010, S. 40, nicht online)

Die Ursache von Chinas Wettbewerbsstärke auf dem globalen Markt ist nicht ein künstlich niedrig gehaltender renminbi. China hat nach 1978 angefangen, sein gewaltiges Potential an qualifizierter Arbeit zu nutzen – das speist seither und bis auf weiteres die unwiderstehliche Dynamik.

(1) Um zig-Millionen steigt Jahr für Jahr in China die Zahl derer, die aus ärmlichen ländlichen Verhältnissen heraus in die Städte und in die Industrie strömen. Genügsame, relativ billige und fleißige Arbeitskräfte. Da kann eine Menge billig produziert werden.  

(2) Diese Produktion wird in ebenso rasantem Tempo besser, als die Infrastuktur dafür wächst: Verkehrswege, Quantität und Qualität von Bildung und Ausbildung, Kommunikation, Forschung und nicht zuletzt rechtsstaatliche Normen.

Immer noch ist erst ein Bruchteil der menschlichen Ressourcen Chinas auf deutschem oder japanischem Niveau verfügbar. Aber die Chinesen schreiten mit Siebenmeilenstiefeln voran- was sollte oder könnte sie bei der progressiven Entfaltung ihrer Arbeitskraft aufhalten?

Der wohl zu niedrige renminbi-Kurs erzeugt Wirtschaftswachstum und Exporterfolg nicht, er stützt sie allenfalls ab. Was würde sonst andere Länder daran hindern, den Kurs ihrer eigenen Währung zu manipulieren, um besser exportieren zu können?

Es wird gelegentlich „blasenbedingte“ Krisen geben, der Wachstumsmotor wird auch mal ins Stottern geraten – aber das gewaltige noch nicht ausgeschöpfte Potential wird sich trotz Krise weiter entfalten und das Land aus der Krise herausziehen.

Das Wachstum Chinas hat Substanz. Es kommt nicht von einem Währungstrick und ist auch nicht die Folge von Industriespionage, wenn Chinas Sozialprodukt seit 30 Jahren um ca. 10% pro Jahr wächst.

Die deutschen China-Kritiker täten klug daran, dies zu bedenken. Wir werden uns gegenüber China auf dem Weltmarkt nicht dadurch behaupten können, dass wir unsere Löhne weiter senken oder unsere Industriegeheimnisse besser verstecken. Unsere Chance läge in der Pflege deutscher Stärken: überlegene Bildung und Ausbildung, Innovation, rationale Organisation, perfekte Infrastruktur, Verlässlichkeit aller Produkte und Verfahren.

Gerade beim zentralen Faktor Bildung aber zeigen wir Schwächen: Wir sind nicht fähig, unser mittelmäßig gewordenes Schulsystem so umzubauen, dass alle in ihm erfolgreich sein können, und dass Freude am Lernen die Schüler nach oben trägt und lebenslang produktiv macht. 

Hinzu kommt: Wir sind auch nicht fähig, unser Land zum Ziel der fähigsten jungen Leute zu machen, um diese Schwäche auszubügeln. Im Gegenteil: Wir reagieren besserwisserisch und ressentimentgeladen auf Fremde. Und wir verdammen einen immer größeren Prozentsatz unserer Bevölkerung dazu, als Unterschicht unproduktiv zu werden.

Wie anders China!

Der Exportüberschuss bringt die Chinesen voran – bringt ihnen mehr Verdienst, mehr staatliche Leistungen, bessere Infrastruktur. Unser deutscher Exportüberschuss hingegen geht auf Kosten der Arbeiter und einer wachsenden Unterschicht, die nicht viel von diesem Erfolg haben. Deutschland zehrt von seiner Substanz, während China für sich Substanz schafft.

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