Lesezirkel, 4. Treffen: 4. Juni 2010 (2. Teil)

Text des Lunyu 1.8. in Übersetzung von Ralf Moritz und von Richard Wilhelm nach dem Sprung.

>>> Hier gibt’s Info über den Lesezirkel und die Beiträge zu Lunyu 1.1 – 1.7.
Ergänzende Bemerkungen oder Einwände im Kommentarfeld.

Nächster Termin: Freitag, 2. Juli, 18.30 – 20.30 Uhr,
Confucius Class Munich, Theatinerstr. 15/V.

Überlegungen zu Lunyu 1.8.

Erstens soll ich mich (als Edler) gesetzt und ernst geben, zweitens soll ich ständig dazulernen, drittens immer treu, zuverlässig und aufrichtig sein, viertens mich an gleichwertige Freunde halten, fünftens meine Fehler korrigieren.

Es ist heute in unserer Kultur eher befremdlich, wenn sich Angehörige der Elite gesetzt und ernst gebe – gerade von ihnen verlangt man in der Öffentlichkeit eine gewisse Jovialität und Lockerheit. Charme zieht mehr als Ernst, Gravitätisches kommt nicht gut an. Wie kommt es zu diesem Aspekt des Kulturwandels? 5000 Jahre lang war es selbstverständlich, dass das Führungspersonal ernst und gesetzt auftritt … und plötzlich mögen es die Leute nicht mehr! Ist das Demokratie?

Das Dazulernen ist gerade auch heute eine Notwendigkeit – nicht nur für die Elite, die „Edlen“, sondern für fast alle, die sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten wollen. Meinen wir aber damit dasselbe wie Konfuzius? Vermutlich nicht. Gebildet sein bedeutet nicht, Qualifikationen für den Arbeitsmarkt zu haben. Humboldts klassisches Berlin steht hier Konfuzius näher als „Bologna“.

Immer „treu, zuverlässig und aufrichtig“ zu sein – darüber habe ich schon zu früheren Kapiteln des Lunyu einiges gesagt – vom machiavellistischen Standpunkt aus habe ich es in Frage gestellt: Führungspersonal (= „Der Fürst“) soll nur so scheinen, darf es aber nicht sein … Anders steht es mit Treu und Glauben sich selbst gegenüber – doch das Problem der Selbsttäuschung war wohl für Konfuzius seinerzeit noch keine Frage.

Freundschaft – hegt man nur mit wenigen in seinem Leben. Der Freundschaftsbegriff bei Konfuzius dürfe kein „amerikanischer“ sein. Freundschaft geht tief und gilt bedingungslos. Was würden wir dann als einen unser selbst „unwürdigen“ Freund bezeichnen?

Bemerkenswert ist der letzte dieser Punkte. Konfuzius weiß, dass er Fehler macht. Der Edle ist nicht so arrogant und selbstgerecht, dass er nicht ständig damit rechnet, Fehler zu machen. Welche Fehler sind das, die der „Edle“ (die Führungspersönlichkeit) machen könnte?

Der Text:

1.8. (Ralf Moritz):

„Konfuzius sprach: „Verhält sich der Edle nicht ernst und würdevoll, dann genießt er keine Achtung. Ist er auch gebildet, so ist aber seine Bildung noch nicht solide.“

Sei immer treu, zuverlässig und aufrichtig. Hab keine Freunde, die deiner nicht würdig sind.

Wenn du Fehler gemacht hast, dann scheue dich nicht, sie zu korrigieren.

1.8. (Richard Wilhelm):

Kultur der Persönlichkeit

Der Meister sprach: „Ist der Edle nicht gesetzt, so scheut man ihn nicht. Was das Lernen betrifft, so sei nicht beschränkt. Halte dich eng an die Gewissenhaften und Treuen. Mache Treu und Glauben zur Hauptsache. Habe keinen Freund, der dir nicht gleich ist. Hast du Fehler, scheue dich nicht, sie zu verbessern.“

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