Juli 2012


Die Beziehungen zwischen Deutschland und China werden  immer enger, nicht nur auf einer wirtschaftlichen Ebene, sondern auch im Bereich des Kulturaustausches. Grund ist die zunehmende Beliebtheit  der chinesischen Sprache in der Heimat von Goethe. Die bisher von einem Fünftel der Menschheit gesprochene Muttersprache findet begeisterte Lerner in deutschen Schulen.

Daten einer aktuellen Umfrage durch die Kultusministerkonferenz im Frühjahr 2011 zufolge liegt die Zahl der deutschen Schulen, die Chinesisch im Unterricht anbieten bzw. Partnerschaften mit Schulen in China unterhalten, bei mindestens 311, darunter 64 Schulen mit Chinesisch als eigenes Unterrichtsfach. An 33 Schulen ist eine Chinesisch-Abiturprüfung möglich. Im Schuljahr 2010/11 lernten mindestens 5.838 Schülerinnen und Schüler Chinesisch. Im Vergleich zu 2007/08 ist das eine Zunahme von fast 75 Prozent. Auch ein Lehramtsstudiengang „Chinesisch als Fremdsprache“ wird an der Universität Göttingen angeboten. Allein im Schuljahr 2010/11 waren 3.235 Schülerinnen und Schüler aus China und 3.165 aus Deutschland an einem Austausch zwischen beiden Ländern beteiligt. (Mehr Informationen unter http://www.kmk-pad.org/)

Dieser Trend spiegelt sich auch in München wider. Im Jahr 2002 reiste erstmalig  eine Gruppe von Schülerinnen, die Chinesisch als Abiturfach gewählt hatten, nach Qingdao, um in einem der von der dortigen Universität angebotenen Sprachkurse ihre Chinesischkenntnisse zu schulen.

Aus diesem Anlass haben wir Herrn Prof. Guangxin Shi, den Dekan der Fakultät „Chinesisch als Fremdsprache“ an der Qingdao-Universität, eingeladen und ihn gebeten, über folgendes Thema zu sprechen: „Chinesisch als Fremdsprache: Eine interkulturelle Diskussion der Lehrmethoden“.

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Herr Prof. Shi ist der Ansicht, dass Chinesisch keine besonders schwierige Sprache und gut zu bewältigen sei. Folgende Gründe hat er genannt:

  1. Aussprache und Wortschatz: Die meisten chinesischen Wörter bestehen aus einer oder zwei Silben. Zwar sind vier  verschiedene Intonationen nicht leicht zu beherrschen, aber in meisten Kontexten wird das Verstehen nicht durch falsche Betonung  gestört.
  2. Grammatik: Es gibt im Chinesischen weder Tempus, Kasus, Genus, noch Plural- und Konjugationsformen.

„Ich gehe in die Schule.“ heißt auf Chinesisch „我去学校。“ („Ich gehen Schule.“)

„Du gehst in die Schule.“ heißt auf Chinesisch „你去学校。(„Du gehen Schule.“)

„Gestern sind wir in die Schule gegangen.“ heißt auf Chinesisch „他昨天去学校了.“ („Er gestern gehen Schule.“ Das „了“ am Ende ist ein Modalwort und indiziert die Vergangenheit.)

„Wohin gehst du?“ heißt auf Chinesisch „他去哪?“ („Er gehen wo?“)

„Geht er in die Schule?“ heißt auf Chinesisch „他去学校吗?“ („Er gehen Schule?“ Das „吗“ am Ende ist ein Modalwort und indiziert eine Fragesituation.)

Gemäß Herrn Prof. Shis Erfahrungen kann ein Nicht-Chinesischmuttersprachler durch ein fünfmonatigen Intensivkurs in China grundsätzlich verstehen und sprechen lernen. Eine harte Arbeit sei aber, sich die chinesischen Schriftzeichen zu merken. Sonst könne man weder lesen noch schreiben. Obwohl die chinesische Sprache eine enorme Anzahl von Schriftzeichen beinhaltet, brauche man, laut Herrn Prof. Shi, nur ca. 1000 Zeichen, um 90% aller Zeitungsartikellesen zu können.

Am Ende des Vortrags hat Herr Prof. Shi auf die Kommunikationsfunktion der Sprache hingewiesen. Um gut zu kommunizieren, reicht Sprache alleine nicht aus, sondern das Kulturverständnis spielt auch eine wichtige Rolle.

Im Anschluss an diesen Vortrag haben ehemalige Teilnehmer der Sprachreisen in einem Bilderbogen Impressionen ihrer Exkursionen aus den vergangenen zehn Jahren dargeboten.

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Daten vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie zeigen, dass China seit dem ersten Quartal erstmals wichtigster Handelspartner Bayerns ist. Wirtschaftliche Kooperationen bleiben nur nachhaltig, wenn Kulturverständnis gelingt. Und Sprache ist der erste Schritt zum Kulturverständnis.

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Wie sieht das Alltagsleben in Tibet aus? Was ist mit dem Schutz der Kultur? Was wird in einer tibetischen Schule gelehrt? … Obwohl viele sich für Tibet interessieren, ist es nicht für jeden möglich, selbst einmal nach Tibet zu reisen. Um Tibetinteressierte dennoch einen Einblick über die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft des heutigen Tibets zu geben, haben wir eine tibetische Expertengruppe aus der Region nach München eingeladen.

Die Gruppe besteht aus Herrn Jin Yuan, dem Vorsitzenden der Industrie- und Handelskammer der tibetischen Volksregierung; Herrn Jinmei Wangcuo, dem Direktor des Amtes für Öffentlichkeitsarbeit der tibetischen Volksregierung; Herrn Prof. Dr. Banjue, dem Vize-Direktor des Instituts für Minoritätenforschung der tibetischen Akademie in Lhasa; Herrn Dr. Ciwang-Dengba, dem Ambulanzleiter des Tibetischen Krankenhauses in Lhasa; Herrn Ahnu, dem Vorsteher des Tongga-Dorfes in der Gemeinde Yangda des Kreises Duidongdeqing in Lhasa und Herrn Xiangqun Ren, dem Referatsleiter für Tibet in der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit beim Zentralkomitee der KPCh in Beijing.

Zuerst hat Herr Prof. Dr. Banjue einen Vortrag über „Nomadic Customs and life in Tibet“ gehalten. In dem tibetischen Autonomen Gebiet arbeiten 76% der gesamten drei Millionen Bevölkerung in der Landwirtschaft und Viehzucht. Politik mit Schwerpunkt auf Bauern- und Hirtenwirtschaft ist deshalb von großer Bedeutung. Herr Prof. Dr. Banjue hat die Wohnpolitik, das Krankenversicherungssystem, ein Trinkwasserprojekt, Ausbildungsprogramme und verschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut vorgestellt. Allein im Jahr 2009 sind 680 Millionen RMB von der Regierung subventioniert worden zur Wohnlageverbesserung von 57,8 000 Familien. Die Einführung von modernen Informations- und Kommunikationstechniken hat die Lebensqualität im Großen und Ganzen erhöht. Neben den  Modernisierungsprozessen hat man die fortführende Pflege der tibetischen Kultur und Tradition nicht vergessen. Herr Dr. Norbu Wangdan hat mit seinem Vortrag „The King Gesar Epic Tradition in Context of Tibetan Folklore Cultur“ die Gesar-Sagen und ihre heutige Entwicklung vorgestellt.

Das Gesar-Epos gehört zum Kern der tibetischen Kultur. Diese hauptsächlich mündlich tradierte Kunstform hat nicht nur eine große literarische Bedeutung, sondern spielt auch eine signifikante Rolle in der tibetischen Religion und kulturellen Identitätsbildung. Die Erhaltung und Förderung dieser Tradition in der heutigen Zeit ist deshalb eine wichtige Aufgabe. Im Jahr 2006 ist das Gesar-Epos in die Nationale Immaterielle Kulturerbenliste aufgenommen worden. Seit 2009 gehört das Gesar-Epos auch zum UNESCO-Welterbe. Herr Dr. Norbu Wangdan hat im Vortrag mehrere Schutzmaßnahmen gegen das  Aussterben des Gesar-Epos vorgestellt wie z.B. ein Verschriftlichungsprojekt und die Gründung des Gesarsäger-Hauses.

 

 

 

Den Vorträgen folgte eine aktive F&A-Runde, so dass die ursprünglich für eineinhalb Stunden geplante Veranstaltung auf ca. drei Stunden verlängert wurde. Gefragt wurde z.B. nach der Einwanderung der Han-Chinesen nach Tibet. Unsere tibetischen Experten lassen verlauten, dass der Anteil der Han-Chinesen, die länger als ein halbes Jahr dort wohnen, nur ca. 6% der Gesamtbevölkerung im Tibetischen Autonomen Gebiet ausmacht.. Außerdem ist der Immobilienmarkt in Chengdu, der Hauptstadt von der Nachbarprovinz Sichuan, seit einigen Jahren sehr beliebt bei Tibetern. Laut einer Umfrage der Website www.chinatibetnews.com im Jahre 2010 haben mehr als 60% der Befragten der tibetischen Bevölkerung vor, in Chengdu eine Wohnung zu kaufen. Kritische Fragen wie z.B. die nach der Zugehörigkeit Tibets zu China wurden ebenfalls ausführlich beantwortet, nicht nur aus einer politischen, sondern auch aus einer historischen Perspektive gesehen. Ein systematischer Kontakt zwischen Zentralchina und dem Tibetischen Hochland  entstand bereits in der Tang-Dynastie (618-907) durch zwei Eheschließungen zwischenbeiden Reichen. Während dieser Zeit wurden achtmal eine Allianz gebildet, deren Spuren auf dernoch heute vor dem Haupteingang des Jokhang-Klosters in Lhasa stehenden Tang-Tubo-Steintafel und Onkel-Neffen-Steintafel zu finden sind. 1271 wurde China von dem mongolischen Herrscher Khublai Khan erobert. Tibet war auch ein Teil von China in der Yuan-Dynastie. Diese Souveränität gegenüber Tibet hat sich trotz der Dynastiewechsel von Yuan über Ming nach Qing nicht geändert. Der Ehrentitel „Dalai Lama“ wurde erstmals offiziell bestätigt durch den Qing-Kaiser Shunzhi nach dem Besuch des 5. Dalai Lama in Beijing. Danach wurde der Titel jedem neuen Dalai Lama vom Kaiser verliehen. Nach der Xinhai-Revolution im Jahr 1911 gehörte Tibet zu den 22 Provinzen der Republik China. Nach der Gründung der Volksrepublik China wurde 1951 das „Abkommen der Zentralen Volksregierung und der tibetischen Lokalregierung über Maßnahmen zur friedlichen Befreiung Tibets“ in Beijing unterzeichnet. Aufgrund der Abschaffung der feudalen Leibeigenschaft gab es einen heftigen Kampf mit konservativen Feudalherren in Tibet. So entstand das Konzept vom„Unabhängigem Tibet“ mit der Unterstützung von Anti-China-Parteien.

Oben sind nur zwei von den vielen Fragen, die an dem Vortragsabend gestellt wurden, näher dargestellt. Drei Stunden waren anscheinend nicht ausreichend für das große Interesse an Tibet. Wir hoffen, bald wieder einen Vortag über das Thema Tibet veranstalten zu können und würden uns über eine interessante Diskussionsrunde sehr freuen.

Chinesische Kulturwoche am Rindermarkt (Interview mit Frau Gao Fangfang)

Christopher Griebel vom München.tv besucht die chinesischen Kulturwochen auf dem Rindermarkt und spricht mit der Leiterin des Konfuzius-Instituts München Frau Gao Fangfang über Kulturvermittlung und Völkerverständigung…