Der 84. Jour Fixe war eine beeindruckende Lesung des Buches

Kleiner Phönix – Eine Kindheit unter Mao

Die Autorin Zhao Jie wuchs zur Zeit der Kulturrevolution mitten in Peking in der Nähe des Platzes des Himmlischen Friedens auf. Als sie zehn Jahre alt war trug sie auf einer Schulkundgebung eine Kritikrede gegen ihre Schuldirektorin vor und wurde daraufhin als Vorzeigekind zur Musterrotgardistin gedrillt.

In ihrem Buch erzählt Zhao Jie sehr eindrücklich von ihren Erinnerungen als Kind der Kulturrevolution und später über ihre Zeit in einem zentralchinesischen Bergbauerndorf und ihren dort stattfindenden Sinneswandel.

Zunächst erzählte uns die Autorin von ihrer Kindheit, die aus ihrer damaligen Sicht vollkommen normal war. Unterstützt wird sie dabei von einer alten Freundin, die ebenfalls aus China stammt.

Während des Jour Fixe las Zhao Jie drei Passagen aus ihrem Buch vor. Die erste Passage erzählt von ihrer Kindheit mit ihrer Großmutter. Beeindruckend war hierbei die detailgetreue Beschreibung ihres Wohnorts sowie die der jährlich zu erledigenden Arbeiten.  Mithilfe von Tagebüchern, Recherchen und Gesprächen mit Familien und Freunden hat Zhao Jie versucht ihre Vergangenheit, die sie nie losgelassen hat, zu erhalten und in einem Buch zusammengefasst.

Die Gewalt gegenüber Nachbarn, die über Nacht zu „Klassenfeinden“ wurden, und Autoritäten durch die Rotgardisten, hat sie als Kind zwar noch nicht verstanden, aber doch bemerkt. Die zweite Passage beschrieb den Wendepunkt in ihrem Leben: Die Kritikrede gegen ihre Schuldirektorin. Sie selbst nannte diesen Moment die Geburtsstunde eines anderen Mädchens und ein Ereignis, das ihrer Kindheit ein Ende gesetzt hat. Mit dem Begriff „unschuldige Schuldige“ versuchte die Autorin zu erklären, dass sie als Kinder zu politischen Zwecken missbraucht wurden, sie das jedoch nicht unschuldig macht.

Nach und nach wurde die Schule in eine militärische Einheit verwandelt und Zhao Jie wurde  zur „Kompanieführerin“ ihrer Jahrgangsstufe erklärt. Als sie schließlich die Schule erfolgreich abschließt, meldet sie sich, um als Bäuerin in eine unterentwickelte Region zu gehen, um dort die politischen Lehren des Sozialismus zu verbreiten. Doch statt die Menschen dort zu revolutionieren, war es Zhao Jie, die einen Sinneswandel durchlebte.

Die dritte Passage ist ein Beispiel für den Beginn ihres Sinneswandels. Während eines Aufnahmegesprächs mit einem Jungen aus dem Bergbauerndorf fragt sie ihn nach seinen Idealen. Dieser nennt ihr den Wunsch, jemanden zu heiraten ohne das Brautgeld zahlen zu müssen und der Gedanke Metzger zu sein, damit er und seine Mutter für immer Fleisch haben. Diese einfachen Gedanken beeindruckten Zhao Jie weitaus mehr als jedes vom Kommunismus definiertes Ideal.

Als die Kulturrevolution 1969 scheiterte, kehre Zhao Jie nach zwei Jahren nach Peking zurück. 1984 kam sie zum studieren in Berlin und lebt seitdem als Übersetzerin in Deutschland.

von Sabrina Müller

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