85. Jour Fixe

Konfuzianismus: Chinas zweite Kulturrevolution

als Herausforderung für den Westen

Dr. Manfred Osten diskutierte mit den Besuchern des vergangenen Jour Fixe über die Wiedergeburt des Konfuzianismus in China und wie das neu verordnete Konfuzius-Programm Einfluss auf die Wettbewerbsrolle Chinas im Prozess der Globalisierung nimmt.

500 v. Chr. war China wegen der streitenden Reiche tief im Chaos versunken. Zu dieser Zeit traten die zwei großen Urängste zum Vorschein, die Angst vor dem Verhungern durch die Hungersnot und die Angst vor der Disharmonie durch die enormen Spannungen zwischen den zahlreichen Ethnien und Sprachen, die in China heimisch waren. Konfuzius versuchte gegen diese beiden Urängste eine neue Überlebensstrategie, eine neue Gesellschafts- und Staatslehre aus dem Geist des Chaos zu schaffen.

Der erste Rettungsgedanke bezog sich auf den Hunger. Die Grundidee war, sich selbst nicht mehr als Individuum zu sehen, sondern den Menschen in der Gruppe zu betrachten. Der Einzelne wird sicherlich untergehen, doch die Gruppe wird überleben. Nicht nur Kollektivdenken steht hier im Zentrum, auch die Hierarchie im Kollektiv, also Wohlfahrt gegen Gehorsam, waren ein wichtiger Teil. Dieses tiefverwurzelte Denken des Geben und Nehmen ist das erste, was die Chinesen vom Westen unterscheidet.

Der zweite Rettungsgedanken bezog sich auf den Verfall der physischen Werte. Als einzigen unzerstörbaren Wert sah Konfuzius die Bildung an. Neben dem Lernen selbst ist auch das Prüfen des erlernten in China tief in der Tradition verwurzelt. Die höchste soziale Anerkennung war erst durch das Bestehen von den drei großen Prüfungen zu erlangen. Das ist auch die Erklärung für die Abschaffung des Erbadels, die nicht hier im Westen mit der Französischen Revolution, sondern schon viel früher in China stattfand. Die drei großen Prüfungen findet man auch heute noch in abgewandelter Form in China, wobei im Gegensatz zum Westen der Lehrer höchste soziale Anerkennung genießt. Mit der Rückbesinnung auf den Konfuzianismus stieg auch der Bildungsehrgeiz der Chinesen. Allein im letzten Jahr investierten chinesische Eltern privat 120 Mrd US-$ an Bildungsrücklagen in ihren Nachwuchs.

Die Wiederbelebung des Konfuzianismus sieht Dr. Osten in Mao und das damit verbundene erneute Ausbrechen der zwei Urängste und das wiederentstandene Chaos. Heute ist das Ziel der harmonischen Gesellschaft sogar in der Staatsdioptrien festgelegt.

Das Ziel der Chinesen ist heute nicht mehr nur das Aufholen des Westens und damit die Rückkehr zum Status, den China bereits im 15. Jahrhundert hatte, sondern auch das Aufsteigen zur technologischen Führungsmacht und damit ein Überholen der westlichen Länder.

Und dabei hat China gute Chancen. Der Bildungsehrgeiz, der durch den Konfuzianismus wieder gestiegen ist, konzentriert sich in erster Linie auf im Westen führende Fächer wie Mathe und Naturwissenschaften. Zudem verfügt China über die drei großen Erfolgsfaktoren – Arbeit, Kapital und Know-How. Letzteres wird vor allem durch den Aufkauf ausländischer Firmen durch China gewährleistet. Bis 2020 wird China wohl bereits 2 Billionen US-$ ausgegeben haben, um weltweit technische Unternehmen aufzukaufen. Auch durch Brain-Gain Politik, also die finanzielle Förderung von Fachkräften zum Ausgleich des abgezogenen Know-Hows, soll der dritte Erfolgsfaktor noch gesteigert werden.

Laut Dr. Osten ist der einzige große Vorteil, den der Westen noch hat, der große Wert, der auf Innovation und Kreativität gelegt wird. Doch auch hier holen die Chinesen durch die Reformierung ihres Schulsystems schnell auf. Um weiterhin global Player zu sein, sollte Deutschland sich auf Innovation und Kreativität besinnen, sowie die Schaffung von Exzellenzuniversitäten vorantreiben.

Ob sich die Regierung zum Konfuzianismus bekennt und ihn fördert? Dr. Manfred Osten beantwortet die Frage ganz simpel. Den Konfuzianismus muss  man nicht benennen. Das konfuzianische System funktioniert einfach.

Dr. Manfred Osten studierte von 1959-64 Rechtswissenschaften, Philosophie, Musikwissenschaften und Literatur in Hamburg und München. 1969 erfolgte die Promotion „Über den Naturrechtsbegriff in den Frühlingsschriften Schellings“. Im selben Jahr trat er in den Auswärtigen Dienst mit Stationen in Frankreich, Kamerun, Tschad, Ungarn, Australien und Japan. 1993 wurde er Leiter des Osteuropa-Referats im Presse und Informationsamt der Bundesregierung. Von 1995 bis 2004 war er Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung. Die Aufsätze und Rezensionen, die er für bekannte Zeitungen wie die Süddeutsche Zeitung verfasst, drehen sich schwerpunktmäßig um Philosophie, Literatur, Musik und Japan.

von Sabrina Müller

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