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Kao-tai ist ein Mandarin aus dem 10. Jahrhundert. Er katapultiert sich zu Studienzwecken 1000 Jahre in die Zukunft – und landet in München.

Gleich wird er beinahe von einem A-tao überfahren … aber dann hat er Glück, ein Herr Schi-schmi nimmt ihn bei sich auf. Er lernt rasch Deutsch – und beobachtet nun ein Jahr lang die Münchner Welt etwa des Jahres 1985 …

Herbert Rosendorfers berühmter Roman teilt uns nur wenig mit über das China des 10. Jahrhunderts, er wirft sein Licht auf das München der 80er Jahre und auf die „Großnasen“, wie Kao-tai die Deutschen nennt.

Es gibt nicht so viele deutsche Romane, die wirklich witzig sind, und in denen der Witz ästhetisch so schlüssig daherkommt. Wir verstehen uns selbst nur in dem Maße, in dem wir uns auch von außen sehen können, und der Autor schafft es mit einem charmanten Trick, dass wir uns drauf einlassen. Kein Wunder, dass die „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ zum Bestseller geworden sind.

Chaplineske Slapstick-Szenen wechseln sich ab mit manchmal mehr, manchmal weniger weisen Reflexionen. Hier eine kleine Geschmacksprobe:

Vom vornehmen Wu-wei haben die Großnasen noch nie etwas gehört. Es ist mir auch klar, woher das kommt: von der nahezu krampfhaften Sucht der Großnasen, alles und jedes zu jeder Zeit zu verändern, und daß sie neu mit gut verwechseln. … Die Großnasen sind ständig damit befaßt, Veränderungen vorzunehmen. Sie nennen es, habe ich Dir schon geschrieben, Fort-Schreiten. So ist es nur folgerichtig, daß  bei ihnen einer, der sich zum Zwecke der Betrachtung, der Kontemplation, der Selbstvervollkommnung vom öffentlichen Leben zurückzieht, als Versager, als Verlierer gilt.“ (S. 137)

Das könnte Kao-tai wohl auch über das moderne China sagen, hätte ihn seine Zeitmaschine ins Schanghai von heute versetzt.

Die Schwäche des Romans liegt darin, dass der Kontrast mit dem China des 10. Jahrhunderts nur angedeutet, aber nicht entwickelt und nicht genutzt wird, um jenseits von Witz und Scherz die Kluft der Welten fühlbar zu machen.

So erinnert der Roman an gewisse Chinoiserien des Barock … ein schönes, anregendes, auch gesundheitsförderndes Spiel mit dem Exotischen – aber keine wirkliche Begegnung mit dem Fremden.

Herbert Rosendorfer: Briefe in die chinesische Vergangenheit. dtv 10541.

Chinesische Poesie und ihre Übersetzung – darüber erfuhren die über 50 lauschenden, fragenden und kommentierenden Gäste Anregendes beim 43. Jour Fixe der Stiftung ex oriente

Yan Zhao und Dieter Ziethen haben ein Buch herausgebracht: „Leise hör ich Blüten fallen – Gedichte aus der chinesischen Klassik“.

Bei amazon können Sie einen Blick hineinwerfen und einige der Gedichte lesen! Etwa ein Dutzend Gedichte aus diesem Buch gab es am 12.3. Chinesisch und Deutsch zu hören, zu lesen, zu erklären, zu diskutieren. 

Dieter Zieten erklärt "Wasserfall vom Berg Lu"

Ein Gedicht, das jeder Chinese und jede Chinesin in der Schule auswendig lernt, hat Dieter Ziethen als Beispiel exemplarisch erläutert: „Wasserfall vom Berg Lu“, von Li Bai. 

Wasserfall vom Berg Lu - im Original

Wasserfall vom Berg Lu - in heutigem Chinesisch

erzählt uns Peter Hessler in seinem eben erschienenen Buch „Country Driving“.

Kein anderes Volk habe soviel Vergnügen daran, schlecht Auto zu fahren:

Sie benützen kaum je den Blinker oder Scheibenwischer oder Sicherheitsgurt.
Sie fahren zu dicht auf und hupen wie die Verrückten.
Sie überholen oben an Steigungen, sie überholen in Kurven, sie überholen in Tunnels.
Wenn sie selbst überholt werden, versuchen sie sich sofort zu revanchieren und den Rivalen zu überholen, als ob es ein Wettkampf oder Spiel wäre.

Die Chinesische Regierung ist kaum eine Hilfe. Ampeln sind gelegentlich falsch geschaltet und zeigen Grün in alle Richtungen, eine Linksabbiegespur findet sich an der rechten Fahrbahn. Verkehrspolizei ist so selten, dass die Behörden „Polizeibeamte“ in Form von Kunststoff-Statuen an manchen Kreuzungen platzieren, als verkehrsberuhigende Vogelscheuchen. Der Fahrer kriegt eine Delle! – Er springt aus dem Auto und sorgt selber für eine sofortige Regelung.

Ganz China ist seit einiger Zeit in Bewegung – auf Beinen und eben auf Rädern. Man wird Zeuge der epischen Flucht vom ländlichen ins städtische China, vom Feld in die Fabrik.

„Fährt man durch China, findet man sich in der größten Völkerwanderung der menschlichen Geschichte wieder – fast ein Zehntel der Bevölkerung ist auf der Straße, um sich ein neues Leben fern von zuhause zu suchen.“

Es würde mich interessieren, wie hoch zurzeit die Zahl der Verkehrsopfer ist.

In München um 1971/72 (1,3 Millionen Einwohner) erreichte die Zahl der Verkehrstoten etwa 225 pro Jahr. Heute liegt sie in der  Größenordnung von jährlich etwa 20. Dabei hat sich die Zahl der Autos verdoppelt.

Ein Volk macht seine Erfahrungen – und lernt. Auch das vernünftige Autofahren.

Das hier stammt von meinem anderen Blog: meine Rezension von Liu Zhenyuns Roman „Taschendiebe“.

Daraus ein Auszug: 

Nichts ist das, was es scheint.

Die Oberfläche täuscht. Was steckt darunter? Was ist wirklich wahr? Worauf kann man sich verlassen? Alles ist Lüge, und Lüge entlarvt Lüge.

So geht es Situation für Situation, Szene für Szene, Schlag auf Schlag – auf der Großbaustelle und rund um die Großbaustelle herum, die für die Baustelle China steht.

Die Hauptfigur

ist der Koch eines bescheidenen Esslokals an der Baustelle. Ihm wird seine Geldtasche geklaut; in der ist ein Schuldschein … Daraus entwickelt sich eine Geschichte, in der es (allerdings gar nicht unschuldige) Lämmer und Wölfe gibt, und unerwarteterweise geht es den Wölfen an den Kragen, während die Kleinen – vorerst wenigstens – den Kopf noch über Wasser halten können. Die Baustelle wird einigen Großen – Politikern und Kaufleuten –  zum Schicksal.

Taschendiebe – bei Amazon