Konfuzius lehrt


Gymnasium Starnberg zu Besuch im Konfuzius München am 16.12.2011

Am 16 .Dezember 2011 besuchten elf Schüler der 11. Klasse vom Gymnasium Starnberg das Konfuzius München.
Im Rahmen eines P-Seminars im Fach Geschichte der Kollegstufe, erarbeiteten die Schüler im Unterricht einen Fragenkatalog zum Thema: “ Chinesische Mentalität-Selbst-und Fremdwahrnehmung in der Weltöffentlichkiet in Geschichte und Gegenwart“.

In einer kurzen Vorstellung des Konfuzius München, durch Herrn Dr. Meng wurden zunächst die einzelnen Aufgabenbereiche des Chinesischen Sprach-& Kulturinstituts erörtert sowie die Kooperationspartner, wie u.a. das Goethe Institut und die Stadt München, genannt.

Im Anschluss haben dann die Schüler, im Alter von 16 bis 17 Jahren, zusammen mit der Lehrerin Frau Muhl, Ihre Fragen an Herrn Dr. Meng gestellt.
Während einer interessanten Disskussion wurde u.a. die Selbtswahrnehmung und Fremdwahrnehmung Chinas in der Welt sowie die Ein-Kind Politik Chinas, behandelt. Zuätzlich ist ein ganz besonderer Augenmerk auf das große chinesische Engagement in Sachen erneuerbare Energien und Umweltschutz gesetzt worden.

Nach einer spannenden Stunde im Konfuzius München, verabschiedete sich die Schulklasse ganz begeistert und man hörte sogar die ein oder andere Schülerstimme, die schon einen Chinabesuch in den Sommerferien plant!

Na wenn dies nicht ein erfolgreicher Besuch im Chinesischen Sprach-&Kulturinstitut in München war !

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Lesezirkel, 4. Treffen: 4. Juni 2010 (2. Teil)

Text des Lunyu 1.8. in Übersetzung von Ralf Moritz und von Richard Wilhelm nach dem Sprung.

>>> Hier gibt’s Info über den Lesezirkel und die Beiträge zu Lunyu 1.1 – 1.7.
Ergänzende Bemerkungen oder Einwände im Kommentarfeld.

Nächster Termin: Freitag, 2. Juli, 18.30 – 20.30 Uhr,
Confucius Class Munich, Theatinerstr. 15/V.

Überlegungen zu Lunyu 1.8.

Erstens soll ich mich (als Edler) gesetzt und ernst geben, zweitens soll ich ständig dazulernen, drittens immer treu, zuverlässig und aufrichtig sein, viertens mich an gleichwertige Freunde halten, fünftens meine Fehler korrigieren.

Es ist heute in unserer Kultur eher befremdlich, wenn sich Angehörige der Elite gesetzt und ernst gebe – gerade von ihnen verlangt man in der Öffentlichkeit eine gewisse Jovialität und Lockerheit. Charme zieht mehr als Ernst, Gravitätisches kommt nicht gut an. Wie kommt es zu diesem Aspekt des Kulturwandels? 5000 Jahre lang war es selbstverständlich, dass das Führungspersonal ernst und gesetzt auftritt … und plötzlich mögen es die Leute nicht mehr! Ist das Demokratie?

Das Dazulernen ist gerade auch heute eine Notwendigkeit – nicht nur für die Elite, die „Edlen“, sondern für fast alle, die sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten wollen. Meinen wir aber damit dasselbe wie Konfuzius? Vermutlich nicht. Gebildet sein bedeutet nicht, Qualifikationen für den Arbeitsmarkt zu haben. Humboldts klassisches Berlin steht hier Konfuzius näher als „Bologna“.

Immer „treu, zuverlässig und aufrichtig“ zu sein – darüber habe ich schon zu früheren Kapiteln des Lunyu einiges gesagt – vom machiavellistischen Standpunkt aus habe ich es in Frage gestellt: Führungspersonal (= „Der Fürst“) soll nur so scheinen, darf es aber nicht sein … Anders steht es mit Treu und Glauben sich selbst gegenüber – doch das Problem der Selbsttäuschung war wohl für Konfuzius seinerzeit noch keine Frage.

Freundschaft – hegt man nur mit wenigen in seinem Leben. Der Freundschaftsbegriff bei Konfuzius dürfe kein „amerikanischer“ sein. Freundschaft geht tief und gilt bedingungslos. Was würden wir dann als einen unser selbst „unwürdigen“ Freund bezeichnen?

Bemerkenswert ist der letzte dieser Punkte. Konfuzius weiß, dass er Fehler macht. Der Edle ist nicht so arrogant und selbstgerecht, dass er nicht ständig damit rechnet, Fehler zu machen. Welche Fehler sind das, die der „Edle“ (die Führungspersönlichkeit) machen könnte?

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Lesezirkel, 4. Treffen: 4. Juni 2010 (1. Teil)

Text des Lunyu 1.7. in Übersetzung von Ralf Moritz und von Richard Wilhelm nach dem Sprung.

>>> Hier gibt’s Info über den Lesezirkel und die Beiträge zu Lunyu 1.1 – 1.6.
Ergänzende Bemerkungen oder Einwände im Kommentarfeld.

Nächster Termin: Freitag, 2. Juli, 18.30 – 20.30 Uhr,
Confucius Class Munich, Theatinerstr. 15/V.

Überlegungen zu Lunyu 1.7.

Ob jemand gebildet ist, ist zunächst keine Frage der Büchergelehrsamkeit, meint ein Schüler von Konfuzius. Es ist eine Frage des Charakters: Der Mensch mit guter Bildung folgt dem Beispiel der Gebildeten; er dient mit allen Kräften seinen Eltern, er dient seinem Fürsten bis in den Tod und steht Freunden gegenüber zu seinem Wort.

An wem orientieren wir uns heute? – An Stars. An den Peers. Was der Nachbar hat, muss ich auch haben, was der Nachbar machen darf, darf ich auch … Früher hätte man vielleicht noch Albert Schweitzer als Vorbild genannt, heute ist es aus der Mode, überhaupt ein Vorbild zu haben. Dafür hat man einen „Traum“.  

Wem dienen wir heute? – Sicher kaum unseren Eltern. Die leben allein und werden bestenfalls besucht. Sind sie hinfällig geworden, werden sie ins Altersheim abgeschoben.

Dienen wir heute einem Herrscher? – Einerseits gibt es keine Fürsten mehr, denen zu dienen wäre – andererseits könnte man sagen: Das Volk herrscht, denn wir haben Demokratie. Dienen wir dem Volk? Der Nation? – Das war einmal durchaus eine starke Idee. Im Dritten Reich wurde sie weitgehend diskreditiert. Immerhin konnte J. F. Kennedy noch sagen: „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst.“ Es gibt also vielleicht noch Restbestände an Motivation, seinem Land zu dienen, aber im wesentlichen dienen wir nur uns selbst, auf dass es unserem Ego wohlergehe.

Sind wir im Umgang mit Freunden immer aufrichtig? – Dazu müssten wir erstens mutig sein, den Aufrichtigkeit ist riskant. Zweitens müssten wir genau wissen, was eigentlich die Wahrheit ist – und ich zweifle, dass wir das immer so genau wissen wollen. Lässt sich denn Wahrheit in unserer Kultur der Beliebigkeit nicht bequem manipulieren? Fakten sind doch immer nur subjektiv? Was soll den wirklich objektiv gelten? – Eine Voraussetzung für Aufrichtigkeit ist insofern nicht mehr gegeben: eine objektive Realität. Ein weiteres Problem folgt aus der überbordenden Subjektivität des modernen Menschen: Will ich meine Freunde mit allen meinen subjektiven Verrücktheiten überfallen und belasten – nur um ihnen gegenüber ganz spontan und authentisch zu sein?

Wenn ich mir Konfuzius vorstelle, wie er mit mir zusammen konversierend durch München spaziert, meine ich, ihm mit solchen melancholischen Gedanken näher zu kommen.

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Lesezirkel, 3. Treffen: 7. Mai 2010 (2. Teil)

Text des Lunyu 1.6. in Übersetzung von Ralf Moritz und von Richard Wilhelm nach dem Sprung.

>>> Hier gibt’s Info über den Lesezirkel und die Beiträge zu Lunyu 1.1 – 1.5.
Ergänzende Bemerkungen oder Einwände im Kommentarfeld.

Nächster Termin: Freitag, 4. Juni, 18.30 – 20.30 Uhr,
Confucius Class Munich, Theatinerstr. 15/V.

Überlegungen zu Lunyu 1.6.

Es geht Konfuzius um die Grundlagen, die Wurzeln der guten Ordnung in einem Staat. Alles beginnt für ihn damit, dass das Kind zunächst einmal seine Eltern liebt und dies auch als junger Mensch noch tut – bis zum Tod der Eltern und darüber hinaus, wie wir an anderer Stelle erfahren. Und dass der Sohn seinen Bruder liebt.

Heute betonen wir die Wechselseitigkeit: Die Liebe des Kindes hängt von der Art ab, wie die Eltern ihm begegnen. Wir sehen das Problem heute eher in einem Versagen der Eltern als einem Versagen des Kindes, wenn hier etwas schief läuft.

Außerdem würden wir gern die Schwester dem Bruder hinzufügen. Konfuzius spricht nur für das männliche Geschlecht. Frauen zählen nicht.

Aber grundsätzlich könnte man Konfuzius schon in einer wesentlichen Hinsicht folgen: In der Kindheit werden die Wurzeln gelegt für konstruktives oder destruktives Verhalten eines Menschen, und wer in diesem Familienzusammenhang zu destruktiven Verhaltensweisen tendiert, wird in der Regel auch als Staatsbürger dazu neigen.

Der Unterschied zwischen kinderliebend und bruderliebend: Ersteres geht auf Ehrfurcht, letzteres bedeutet, dass man mehr Spielraum zur Kritik hat. Den Bruder kann man zurechtweisen, wenn er sich falsch verhält, die Eltern (nach Konfuzius Meinung) eher nicht, auch wenn man ihnen nicht im Bösen folgen muss. Mit dem Bruder verkehrt man auf Augenhöhe, mit den Eltern keineswegs.

Diese innerhalb der Familie entwickelte Liebe wird dann „überfließen“ auf den Rest der Gesellschaft. – Das ist psychologisch schlüssig.

Alles andere ist sekundär, stellt Konfuzius abschließend lapidar fest. So wichtig Bildung ist, so wichtig es ist, die „Künste“ zu lernen – ohne diese Basis aus Liebe ist das nichts.

Die Überschrift, die Wilhelm wählt, nennt den ersten, wesentlichen Teil die „moralische Bildung“ der Jugend, den zweiten Teil die „ästhetische“. Wenn man das Wort „moralisch“ hier gelten lassen will, muss man es anders verstehen als üblich. Es geht nicht um moralische Forderungen, es geht um die Bedingung der Möglichkeit moralischen oder richtigen Handelns, und die sieht Konfuzius in der Ehrfurcht für die Eltern und der Liebe zum Bruder.  

Anwendung auf heute:

Die für uns Deutsche erstaunliche und beeindruckende Intensität des Familienzusammenhalts in China könnte uns dazu bringen, die chinesische Familie als „konfuzianische“ Familie zu sehen. Da man heute – so meinen wir jedenfalls gut aufklärerisch – gegenüber dem Staat und gegenüber Autoritäten generell misstrauisch und kritisch sein sollte, und dies von Kind auf lernen sollte, müssten wir um unserer Demokratie willen die „konfuzianische“ Familie ablehnen. Denn ich muss als Kind lernen, wie ich meinen Vater und meine Mutter kritisch beurteilen und in einer Auseinandersetzung kritisieren kann; Ehrfurcht wäre dabei hinderlich. Wir lieben sozusagen unsere Eltern in geschwisterlicher Weise. Jedenfalls ab einem bestimmten Alter.

Konfuzius wäre entsetzt. So kann kein gutes Staatswesen, keine gute Ordnung entstehen, würde er sagen.

Gibt es da einen Mittelweg? Ließe sich der kritische Standpunkt mit dem der Ehrfurcht vor den Eltern vereinbaren? Wie verbindet man eigentlich kritischen Geist mit Vertrauen, mit grundsätzlichem Respekt?

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Lesezirkel, 3. Treffen: 7. Mai 2010

Text des Lunyu 1.5. in Übersetzung von Ralf Moritz und von Richard Wilhelm nach dem Sprung.

>>> Hier gibt’s Info über den Lesezirkel und die Beiträge zu Lunyu 1.1 – 1.4.
Ergänzende Bemerkungen oder Einwände im Kommentarfeld.

Nächster Termin (voraussichtlich): Freitag, 4. Juni, 18.30 – 20.30 Uhr,
Confucius Class Munich, Theatinerstr. 15/V.

Überlegungen zu Lunyu 1.5.

1

Ist ein Staat mit 1000 Kriegswagen groß oder klein? – Moritz hält ihn für klein und schwach, Wilhelm für groß und mächtig: Jede Stadt, so die Anmerkung bei Wilhelm, hatte einen einzigenKriegswagen zu stellen, und dem Kaiser des Reiches unterstanden 10 000 Kriegswagen insgesamt.

Der Interpretationsunterschied: Bei Moritz sagt Konfuzius: Schon (oder: wenigstens) für einen kleinen Staat gilt …; bei Wilhelm: Sogar für einen großen Staat gilt …

2

Wer leitet den Staat? – Der Fürst natürlich. Aber auch seine Minister. Für sie gilt, was folgt. Für andere auch?

Wilhelm interpretiert: „Auch eine Großmacht läßt sich nach ganz einfachen Prinzipien in geordnetem Zustand halten.“ – Das hieße: Die Prinzipien, die sich für kleine Gemeinschaften bewähren (etwa für den Hof eines Adeligen, oder für eine Familie), sind dieselben, die auch im großen Reich gelten müssen.

Der Staat – verstanden als Große Familie … Ich habe in meiner Jugend nachdrücklich gelernt, dass das ein fatales Missverständnis ist. Große Einheiten operieren strategisch und müssen strategisch operieren, und damit unterscheiden sie sich fundamental von Familien. Angela Merkel ist nicht meine Mama, kann nicht meine Mama sein und soll und darf und will es auch nicht werden.

3

Die Leitung muss die Geschäfte achten (Wilhelm) bzw. korrekt sein: rational vorgehen, sorgfältig, verlässlich. – Es erinnert mich an das Ethos des preußischen Staates und seiner Bürokratie unter Friedrich II. und danach. Man muss die Staatsverwaltung so organisieren, dass sie nicht willkürlich wird. Ordnung ist notwendig.

4

Die Leitung muss „wahr sein“ (Wilhelm) bzw. „gewissenhaft“ (Moritz): Das würde natürlich der Erfahrung widersprechen, dass Politik generell und kategorisch macht- und nicht wahrheitsorientiert ist. Auf den Erfolg kommt es in der Politik an, nicht auf die Wahrheit.

Konfuzius setzt – idealistisch – Wahrheitsorientierung dagegen. Wahrhaftigkeit wem gegenüber? Auch dem politischen Rivalen und Gegner gegenüber? Auch dem Volk gegenüber? (Kein Wunder, dass er politisch gescheitert ist.)

Dass die Leitung eines Staates natürlich so tut, als ob sie der Wahrheit verpflichtet sei, gehört zum unvermeidlichen Arsenal der politischen Täuschung. (Richtig täuschen kann man ja nur, wenn der andere es nicht merkt. Also muss man auf jeden Fall so tun, als ob man ehrlich ist.)

Andererseits muss auch Politik auf Vertrauen bauen. Und das erwirbt man sich durch zuverlässige Treue, durch Verlässlichkeit im Umgang miteinander – nur, gehört dazu auch bedingungslose Wahrhaftigkeit?

5

Die Leitung muss „sparsam verbrauchen“ (Wilhelm) bzw. „maßhalten können“: Eigentlich banal, aber doch politisch bedeutsam: gegen Verschwendung. Wer Macht hat, dem sind kaum Grenzen gesetzt , was ihn dazu verführt, verschwenderisch zu werden.

6

Die Leitung muss „die Menschen lieben“ (beide): Liebe – ist hier nicht im romantischen „Romeo&Julia“-Sinne zu verstehen, sondern eher so wie im biblischen „Du sollst deinen Nächsten lieben!“ Liebe ist liebende Hochachtung, wie sie etwa das Kind den Eltern entgegenbringt.

„Menschen“: Vermutlich unterscheidet Konfuzius zwischen „Menschen“ (= Gleichgestellte, Hochgestellte, Adel) und „Volk“ (Untertanen, Leibeigene, Soldaten, …).

Eine andere Möglichkeit, den Unterschied zwischen „Menschen“ und „Volk“ zu deuten, wäre es, im einen Fall den Einzelmenschen, im andern das Volk als Kollektiv zu verstehen.

Aber fordert Konfuzius die Leiter des Staates wirklich auf, den Leibeigenen liebend hochzuachten? Ich habe schon Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass er diese liebende Hochachtung für ALLE Gleichgestellten nötig hält.

7

Die Leitung muss „das Volk benutzen entsprechend der Zeit“ (Wilhelm) bzw. dürfen die Forderungen an das Volk „nicht willkürlich“ sein (Moritz): Dies bezieht sich auf das Verhältnis der Leitung des Staates zu den Untertanen, also den Leibeigenen und Tagelöhnern und Handwerkern und Kaufleuten – ich weiß nicht, wie weit herauf. Volk ist, so scheint es, nicht identisch mit den vorher genannten „Menschen“.

Bedeutung für heute:

Vor allem die Forderung nach Korrektheit und Gewissenhaftigkeit ist ein starkes konfuzianisches Argument gegen Korruption. Korruption ist bekanntlich eines der Hauptübel, mit dem der Fortschritt in China zu kämpfen hat. Zuverlässig rechtsstaatliche Handlungsweise von Justiz, Bürokratie und Politik können aus der Lehre des Konfuzius direkt abgeleitet werden.

Wenn man zweitens zeitgemäß nicht mehr zwischen „Menschen“ und „Volk“ trennt, dann könnte man „Liebe“ als paternalistische Fürsorge der Elite für das Volk sehen: Die Partei sorgt für das Volk, und damit sie es tun kann, muss es das Volk lieben und darf es das Volk zwar benutzen, aber nicht überfordern.

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2. Treffen: 16. April 2010 (2. Fortsetzung)

Text des Lunyu 1.3. und 1.4. in Übersetzung von Moritz und von Wilhelm nach dem Sprung.

>>> Hier gibt’s Info über den Lesezirkel
Ergänzende Bemerkungen oder Einwände im Kommentarfeld.

Nächster Termin: Freitag, 7. Mai, 18.30 – 20.30 Uhr, Confucius Class Munich, Theatinerstr. 15/V.

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1.3.

Moritz übersetzt hier „ren“ mit gutem Charakter, Wilhelm bleibt näher an der zentralen Bedeutung dieses Kernbegriffs der Lehre des Konfuzius: Sittlichkeit. Auch unser Begriff der „Menschlichkeit“ ist für eine Übertragung in Betracht zu ziehen.

Ich lese diesen Satz mit einem Seitenblick auf Machiavelli: Er fordert vom Fürsten (Buch XVIII), um seiner politischen Ziele willen zu täuschen, und hält es für problematisch, wenn der Fürst die guten Eigenschaften, die er vorspielt, tatsächlich besitzen würde, denn dann hätte er Schwierigkeiten, sie strategisch einzusetzen.

Gibt es in der politischen Welt die Möglichkeit der fundamentalen Ehrlichkeit anderen gegenüber? (Sich selbst gegenüber – das ist eine andere Frage. Wie könnte man strategisch erfolgreich täuschen, wenn man sich zugleich selbst täuscht?)

Konfuzius klingt hier (für mich) unpolitisch, antipolitisch – falls der Satz universal gemeint ist. Er berücksichtigt nicht die Erfordernisse des rationalen Verhaltens in Situationen, in denen wir strategisch handeln müssen.

1.4.

Bemerkenswert die grundsätzlich selbstkritische Haltung, zu der wir hier aufgerufen werden. Der Konfuzianer traut sich selbst nicht vollständig, weiß, dass er ein Mensch und fehlbar ist.

Drei Dimensionen hat diese Prüfung – und man kann annehmen, dass hier indirekt auch drei verschiedene Verhältnisse zu anderen unterstellt werden: die Treue und Zuverlässigkeit gegenüber denen, die über uns stehen (z. B. Fürst, Vater und Mutter), Aufrichtigkeit gegenüber denen, die uns in etwa gleichgestellt sind (Freunde), Handeln gemäß der uns gelehrten und gelernten Grundsätze gegenüber denen, über die wir Autorität haben. („geübt“ verstehe ich hier auch im Sinne von „ausgeübt“; es wäre auch noch zu klären, was hier inhaltlich gelehrt, gelernt und geübt werden soll.)

Aufrichtigkeit – der Verzicht auf Täuschung – gilt dann gegenüber den Gleichgestellten, nicht unbedingt gegenüber denen, die über oder unter uns stehen?

Lunyu 1.3 und 1.4. in ihrer Bedeutung heute:

1.3.: Misstraue allen, die strategisch handeln??? (Führt nicht solches Misstrauen auch dazu, dass man glatte Worte und heuchlerische Miene im täglichen Verkehr gebraucht?)

Widerspricht dem 1.4., wenn wir annehmen, dass unsere Verpflichtung nach oben eher als Treue und Zuverlässigkeit, unsere Verpflichtung nach unten eher als Befolgen der gelernten Grundsätze zu verstehen ist?

1.4.: In einer Gesellschaft mit weitgehendem Anspruch, egalitär zu sein, käme es vor allem auf die Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit an. Für die Beamten und Kader käme es darauf an, Befehle zuverlässig auszuführen und das Volk gemäß bestimmter Grundsätze angemessen zu behandeln.

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2. Treffen: 16. April 2010 (Fortsetzung)
>>> Infos zum Lesezirkel im Artikel davor.

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Überlegungen zu 1.2.:

Konfuzius fordert uns auf, der Staatsautorität mit Pietät und Gehorsam zu begegnen und ihr nicht zu widerstreben. Ist das nicht – für heute – reaktionär und für Demokratien unverträglich?

Das muss man wohl so sagen.

Die Grundlage dafür wird gelegt in der Familie, in der Kindheit: Das Kind lernt Pietät gegenüber den Eltern und Achtung bzw. Gehorsam gegenüber dem älteren Bruder – und behält dann diese Haltung im Erwachsenenleben bei – gegenüber dem Fürsten und den Gelehrten, und so ordnet sich die Gesellschaft zum Wohle aller.

Also eine Erziehung zu Gehorsam, Unterwerfung – auch zur Kritiklosigkeit? An dieser Stelle sieht es so aus; an späterer Stelle finden wir Ansätze für Kritikmöglichkeiten: Wenn die Eltern, älteren Brüder oder staatlichen Autoritäten selbst dem Richtigen widersprechend handeln. Wie das unter der in 1.2. gegebenen Voraussetzung möglich ist, wird man sehen müssen. Die Lösung des Problems wird im Wissen des Gelehrten gesucht.

Konfuzius, der Reaktionär. Lässt sich denn hier nichts Konfuzius-Rettendes finden?

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