Literatur


Zu den Erscheinungen, die mir fremd bleiben, gehört die Obsession der gebundenen Füße der Frauen im vor-revolutionären China.

Mo Yan, Das rote Kornfeld, erklärt es (S. 117) – und macht es mir noch fremder:

Es waren Großmutters kleine Füße gewesen, die Shan Tingxius Aufmerksamkeit als erstes erregt hatten, und ihre kleinen Füße hatten die Leidenschaft des Sänftenträgers Yu Zhan’ao entfesselt. Selbst eine alte Hexe mit pockennarbigem Gesicht kann mit Heirat rechnen, wenn sie kleine gebundene Füße hat. Niemand will ein Mädchen mit großen ungegebundenen Füßen, selbst wenn sie das Gesicht eines Engels hätte. Großmutter, die gebundene Füße und ein liebliches Gesicht hatte, war eine der Schönheiten ihrer Zeit. Im Verlauf unserer langen Geschichte sind die Füße der chinesischen Frauen sozusagen zu sekundären Geschlechtsorganen geworden, und Männer haben einen ästhetischen Gefallen daran gefunden, der ihre sexuellen Begierden erweckte, wenn sie diese zarten, spitzen Glieder nur erspähten.

Ob Chinesen von heute sich diesen seltsamen Reiz erklären können? Immerhin an die 1000 Jahre hat diese – darf ich sagen: Verirrung? – das Leben der Frauen mit zusätzlichen Schmerzen versehen.

Und wie ist es möglich, solchermaßen verunstaltete Füße attraktiv, sexuell verführerisch zu empfinden?

Nun, Parallelfälle in unserer Kultur könnten sein: der Schnürleib im 19. Jahrhundert, der Reifrock um 1860, die dicke Schminkschicht zu Zeiten Ludwigs XIV. … Aber so extrem wie diese gebundenen Füße – so extrem wüsste ich jetzt nichts in Europa.

In Mittel- und Südamerika gab es die Deformierung der Köpfe, bei den Sara im Tschad die Tellerlippen, bei den Menschen der Südsee die Volltätowierung.

Heute finden manche den Nasenring sexy. Oder den Silikonbusen.

Langsam fange ich an zu verstehen …

Kao-tai ist ein Mandarin aus dem 10. Jahrhundert. Er katapultiert sich zu Studienzwecken 1000 Jahre in die Zukunft – und landet in München.

Gleich wird er beinahe von einem A-tao überfahren … aber dann hat er Glück, ein Herr Schi-schmi nimmt ihn bei sich auf. Er lernt rasch Deutsch – und beobachtet nun ein Jahr lang die Münchner Welt etwa des Jahres 1985 …

Herbert Rosendorfers berühmter Roman teilt uns nur wenig mit über das China des 10. Jahrhunderts, er wirft sein Licht auf das München der 80er Jahre und auf die „Großnasen“, wie Kao-tai die Deutschen nennt.

Es gibt nicht so viele deutsche Romane, die wirklich witzig sind, und in denen der Witz ästhetisch so schlüssig daherkommt. Wir verstehen uns selbst nur in dem Maße, in dem wir uns auch von außen sehen können, und der Autor schafft es mit einem charmanten Trick, dass wir uns drauf einlassen. Kein Wunder, dass die „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ zum Bestseller geworden sind.

Chaplineske Slapstick-Szenen wechseln sich ab mit manchmal mehr, manchmal weniger weisen Reflexionen. Hier eine kleine Geschmacksprobe:

Vom vornehmen Wu-wei haben die Großnasen noch nie etwas gehört. Es ist mir auch klar, woher das kommt: von der nahezu krampfhaften Sucht der Großnasen, alles und jedes zu jeder Zeit zu verändern, und daß sie neu mit gut verwechseln. … Die Großnasen sind ständig damit befaßt, Veränderungen vorzunehmen. Sie nennen es, habe ich Dir schon geschrieben, Fort-Schreiten. So ist es nur folgerichtig, daß  bei ihnen einer, der sich zum Zwecke der Betrachtung, der Kontemplation, der Selbstvervollkommnung vom öffentlichen Leben zurückzieht, als Versager, als Verlierer gilt.“ (S. 137)

Das könnte Kao-tai wohl auch über das moderne China sagen, hätte ihn seine Zeitmaschine ins Schanghai von heute versetzt.

Die Schwäche des Romans liegt darin, dass der Kontrast mit dem China des 10. Jahrhunderts nur angedeutet, aber nicht entwickelt und nicht genutzt wird, um jenseits von Witz und Scherz die Kluft der Welten fühlbar zu machen.

So erinnert der Roman an gewisse Chinoiserien des Barock … ein schönes, anregendes, auch gesundheitsförderndes Spiel mit dem Exotischen – aber keine wirkliche Begegnung mit dem Fremden.

Herbert Rosendorfer: Briefe in die chinesische Vergangenheit. dtv 10541.

Chinesische Poesie und ihre Übersetzung – darüber erfuhren die über 50 lauschenden, fragenden und kommentierenden Gäste Anregendes beim 43. Jour Fixe der Stiftung ex oriente

Yan Zhao und Dieter Ziethen haben ein Buch herausgebracht: „Leise hör ich Blüten fallen – Gedichte aus der chinesischen Klassik“.

Bei amazon können Sie einen Blick hineinwerfen und einige der Gedichte lesen! Etwa ein Dutzend Gedichte aus diesem Buch gab es am 12.3. Chinesisch und Deutsch zu hören, zu lesen, zu erklären, zu diskutieren. 

Dieter Zieten erklärt "Wasserfall vom Berg Lu"

Ein Gedicht, das jeder Chinese und jede Chinesin in der Schule auswendig lernt, hat Dieter Ziethen als Beispiel exemplarisch erläutert: „Wasserfall vom Berg Lu“, von Li Bai. 

Wasserfall vom Berg Lu - im Original

Wasserfall vom Berg Lu - in heutigem Chinesisch

Das Deutsch-Chinesische Kulturnetz stellt der in München lebenden taiwan-chinesischen Autorin, Journalistin und Regisseurin Jade Y. Chen 10 Fragen. Hier eine davon – und eine bemerkenswerte Antwort: 

In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Da die deutsche Grammatik fast so komplex ist wie Anatomie, braucht man gar nicht den Mund aufzumachen, solange man noch nicht ganz genau weiß, was man sagen will.

In der chinesischen Syntax hingegen müssen wir keine Verben konjugieren. Da die Grammatik relativ simpel ist, können die einzelnen Wörter beinahe wie Bauklötze aneinandergereiht werden.

In gewisser Weise lässt es das Chinesische zu, dass man spricht während man denkt, und sollte etwas unklar bleiben, fügt man einfach noch etwas hinzu.

Durch das Erlernen der deutschen Sprache haben sich meine Denkgewohnheiten verändert. Heute muss ich mir erst darüber im Klaren sein, was ich sagen will, bevor ich zu reden anfange. In der Folge hat das womöglich auch mein Schreiben beeinflusst.

Merkt man etwas davon, wenn Chinesen Deutsch sprechen?
Würde das Umgekehrte mit einem Deutschen passieren, wenn er sein Leben in China verbrächte?
Lassen sich vielleicht generell Missverständnisse zwischen Deutschen und Chinesen manchmal auf diese Differenz zurückführen?

Hier noch ein kleines Juwel, bei dem ich aber nicht sicher bin, ob es echt ist: (mehr …)

Stiftung ex oriente (www.china-stiftung.de)
Chinas Kultur, Sprache und Wirtschaft in Deutschland

Einladung zum 43. Jour Fixe
am Freitag, den 12. März 2010
um 19.30 Uhr
Kardinal-Faulhaber-Straße 10, 4. Stock,
80333 München

Wir freuen uns auf die
Autorenlesung
des deutschen Autors Dieter Ziethen
und der Verlegerin Hefei Huang
mit dem Titel
„Leise hör‘ ich Blüten fallen“
Gedichte aus der chinesischen Klassik

China erlebte zur Zeit der Tang-Dynastie von 618 bis 907 n. Chr. eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte. Die Weisheiten der chinesischen Klassik vereinen sich in Reimen auf Deutsch und Chinesisch zu einer Melange aus Gefühl, Sehnsucht und Harmonie.

Der deutsche Autor, Dieter Ziethen, und die Verlegerin, Hefei Huang, werden Ihnen an diesem Abend einen Überblick über die Tang-Dynastie geben. Anschließend werden sie eine Auswahl der berühmtesten Gedichte der Tang-Dynastie in Deutsch sowie in Chinesisch vorlesen.

An diesem Abend werden Sie eine Harmonie aus Mensch und Natur genießen und erfahren, dass die Sehnsucht nach Ferne und Freiheit kein modernes Bedürfnis ist, sondern ein sehr altes der Menschheit.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

Noch warte ich auf die Fotos vom Jour Fixe der Stiftung ex oriente am Freitag, um den versprochenen Bericht zu liefern.

Nach den Vorträgen über das Chinesisch-Studium in Bayern und China gab’s für die Gäste Gelegenheit, sich bei Wasser, Wein und Brezel zu unterhalten. Ein Thema, über das ich mich dabei mit einigen ausgetauscht habe, war: 

Geht etwas schief beim Übersetzen von Chinesischer Literatur ins Deutsche?

Auf schwacher Basis – ich hab ja noch nicht viel Übersetztes gelesen – ist das jedenfalls mein Eindruck. Als sei Chinesisch ein wenig hölzern. Simpel. Karg.

Ich genieße den Reichtum und die Musikalität des klassischen Deutsch – von Goethe bis Brecht. Ich erlebe, wie man Shakespeare, Manzoni, Balzac und Dostojewskij genial ins Deutsche übersetzt hat – der deutsche Leser verliert in keinem Satz das Vergnügen an der unendlichen Schönheit unserer Sprache.

Bei Übersetzungen aus dem Chinesischen hat sich dieses Gefühl noch nicht bei mir eingestellt. Ich frage mich, was der Grund sein könnte.

(mehr …)

Das hier stammt von meinem anderen Blog: meine Rezension von Liu Zhenyuns Roman „Taschendiebe“.

Daraus ein Auszug: 

Nichts ist das, was es scheint.

Die Oberfläche täuscht. Was steckt darunter? Was ist wirklich wahr? Worauf kann man sich verlassen? Alles ist Lüge, und Lüge entlarvt Lüge.

So geht es Situation für Situation, Szene für Szene, Schlag auf Schlag – auf der Großbaustelle und rund um die Großbaustelle herum, die für die Baustelle China steht.

Die Hauptfigur

ist der Koch eines bescheidenen Esslokals an der Baustelle. Ihm wird seine Geldtasche geklaut; in der ist ein Schuldschein … Daraus entwickelt sich eine Geschichte, in der es (allerdings gar nicht unschuldige) Lämmer und Wölfe gibt, und unerwarteterweise geht es den Wölfen an den Kragen, während die Kleinen – vorerst wenigstens – den Kopf noch über Wasser halten können. Die Baustelle wird einigen Großen – Politikern und Kaufleuten –  zum Schicksal.

Taschendiebe – bei Amazon